PM: Kinder aufs Rad – Petition für sicheren Radverkehr in Münster gestartet

Die Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung des Corona-Virus haben starke Auswirkungen auf unsere Versammlungen und Aktivitäten gehabt. Die Tour zur bundesweiten Kampagne im März konnte nicht stattfinden und auch die bereits angemeldete Versammlung für eine Kidical Mass am 13. Juni in Münster haben wir jetzt zurückgezogen.

Umso wichtiger sind alternative Aktivitäten, mit denen wir auf unser Anliegen aufmerksam machen können. Hervorgegangen aus der bundesweiten Initiative ist eine Petition, die wir – für die Münsteraner Verhältnisse adaptiert – gerne aufnehmen und unterstützen.

Besonders für Kinder und Familien bestehen im Stadtverkehr viele Hindernisse: Gehwege sind zugeparkt, müssen aber von den Kleinsten benutzt werden. Straßenkreuzungen sind unübersichtlich oder Kinder werden nicht gesehen und können ihrerseits den Straßenraum auch nicht gut überblicken. Dort, wo Kinder den Radweg benutzen müssen, ist die Radwegeinfrastruktur fast nie auf die Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet.

“Wir wollen, dass unsere Stadt Münster so geplant und gestaltet wird, dass auch die jüngsten Verkehrsteilnehmer*innen sicher und komfortabel am Verkehr und damit auch an der Stadt teilhaben können”, so Daniel Hügel von Kidical Mass Münster. “Ich wünsche mir breitere Radwege als jetzt, weil es gerade immer so eng und anstrengend zu fahren ist”, nennt die 11-jährige Maja konkrete Verbesserungsvorschläge an die städtische Infrastruktur. Die alltäglichen Probleme sieht auch der 6-jährige Theo: „Ich finde es total doof, dass überall Autos parken und ich da manchmal dann gar nicht durchkomme auf dem Bürgersteig!“

Generell ist der Verkehrsraum auch in Münster ungerecht verteilt: Der motorisierte Individualverkehr genießt hier eine Über-Priorisierung. Der Raum, der allen gehört, wird vor allem durch das stehende, nicht genutzte Auto besetzt. Weder auf dem Rad und noch weniger auf dem Gehweg ist es vielerorts möglich, den gebotenen Mindestabstand zu anderen Menschen einzuhalten. Deshalb fordert die Kidical Mass Münster, dass das nach StVO illegale Parken von Autos auf Gehwegen nicht länger geduldet werden darf, sondern sanktioniert werden muss. Alle Menschen sollen sich dort sicher und frei bewegen und den wegen des Corona-Virus gebotenen und notwendigen Abstand zueinander einhalten können.

Stefan Blume bringt die Forderungen an Oberbürgermeister Markus Lewe sowie die Ratsfraktionen der Stadt Münster auf den Punkt: „Münster muss wieder Fahrradstadt werden, denn nur eine Fahrradstadt ist eine kinderfreundliche Stadt! Wir brauchen autofreie Zonen und Orte, für eine lebenswerte und urbane Stadt der Begegnung“.

Die Petition finden Sie unter https://weact.campact.de/p/ms-kidicalmass.

Kontakt

info@kidicalmass-muenster.org

https://kinderaufsrad.org/ (Webseite der bundesweiten Kampagne)

Ist Münster eine Fahrradstadt?

Auf Twitter räumt @jooobi mit dem Missverständnis auf, ob Münster noch eine Fahrradstadt sei oder nicht.

Dieser Thread und auch die daraus entstandene Diskussion wird später vom RUMS Brief am Dienstag aufgegriffen und nach weiteren Meinungen gefragt. Und Meinungen haben wir ja auch.

Das Schlaglicht auf den Münsteraner Fahrradstadt-Verkehr von @jooobi, welches ihr in eurem letzten Brief thematisiert habt, entspricht leider der Wahrheit und lässt sich nicht mit „Nörgeln auf hohem Niveau“ abtun. In dieser Argumentation, finde ich, besteht gerade ein wesentlicher Punkt: Für manche Verkehrsteilnehmer:innen im besten Alter, mit tollem Reaktionsvermögen und genug Mut, sich den Herausforderungen des täglichen Straßenverkehrs zu stellen, scheint alles halbwegs akzeptabel und „besser als im Pott“ zu sein.
Aber das ist eben auch eine eingeschränkte und vielleicht auch egoistische Perspektive. Was ist mit den Menschen, die nicht mehr so fit sind oder noch nicht so alt, das alle Sinne den oben angesprochenen Herausforderungen gerecht werden? Eine gute und gestaltenden Verkehrspolitik hat eben nicht nur die nüchternen Zahlen des Modal Split im Blick, sondern sieht auch die Aufgabe, allen Menschen die Teilhabe am städtischen Leben zu ermöglichen. Die einfache und gefahrlose Nutzung der Verkehrswege ist da eben ein wesentlicher Bestandteil.

Ich persönlich gehöre der Initiative „Kidical Mass Münster“ an, ursprünglich gab es einfach die Idee, eine Möglichkeit zu schaffen, Kindern auf eine andere Art den Verkehrsraum wahrnehmen zu lassen, so, wie es bei einer Critical Mass geschieht. Denn das Befahren der normalerweise den Autos vorbehaltenen Fahrspuren ist viel entspannter und auch kommunikativer. Vielmehr ist es ein „erhebendes“ Gefühl, so berichten die Kinder und Jugendlichen, gemeinsam und ohne Gefahr durch den Münsteraner Ludgeri-Kreisel zu fahren. Mit diesem Erlebnis hat man direkt einen anderen Blick auf die Infrastruktur für den Radverkehr, die Stellen, wo Münster laut OB Lewe „den roten Teppich ausrollt“. Die Infrastruktur ist in einem schlechten Zustand, zu klein dimensioniert, ganz wenig Fehler tolerierend; und sie wird in den Augen vieler Radfahrenden nur ganz langsam erneuert und verbessert. Wie wollen wir Kinder für ihr Leben zum Radfahren motivieren, wenn jede Tour mit so vielen Regeln und Vorsichtsmaßnahmen belegt werden, damit man unfallfrei durch einen Kanal von parkenden Autos durchgeschleust wird?
Hier ist ein anderer Aspekt des Themas „Fahrradstadt Münster“ zu sehen: Die laxen Kontrollen von Falschparkern, das kaum vorhandene Ahnden des Auto-Flächenegoismus. Anfang des Jahres wurden wir von RadioQ dazu befragt und haben unsere Meinung zum Thema mitgeteilt: https://www.radioq.de/dauerproblem-falschparken. Ich glaube, Kinder und Eltern wären schon froh, wenn es kein Falschparken mehr gäbe, wenn die 5m-Zonen im Kreuzungs-Bereich frei wären, wenn es Sichtachsen und -beziehungen gäbe, wenn Autofahrer:innen nicht zu knapp überholen würden oder wenn sie im Begegnungsverkehr immer das Tempo drosseln würden.

Noch ein letzter Punkt zum Fly-Over: Leuchtturm-Projekte sind besonders toll, wenn sie nicht nur der eigenen Nabelschau und Selbstverliebtheit dienen, sondern auch „visionär“ in die Zukunft zeigen. Vielleicht vormals räumlich abgekoppelte Stadtteile stärker an die Stadt binden (siehe die Brücke in Kopenhagen übers Wasser) oder Verkehrsbeziehungen ganz neu denken und neue Möglichkeiten schaffen. Diese Möglichkeiten sind beim Fly-Over aus meiner Sicht nicht aufgezeigt worden; was passiert mit dem Bereich unten, dem „alten“ Straßenraum, gibt es da auch eine Umverteilung? Der ADFC Münsterland hat auch geschrieben, das mit dem Fly-Over nur wenige der verkehrlichem Beziehungen der Verkehrssituation am Aasee adressiert werden, bei dem finanziellen Aufwand sicherlich ein guter Kritikpunkt.