PM: Kidical Mass rollt am 30. April durch Münster

Fahrraddemo für eine sichere und selbständige Teilnahme von Kindern am Straßenverkehr

Die Kidical Mass Münster lädt am 30. April zur ersten Familien-Fahrraddemo im Jahr 2022 ein – um 14 Uhr geht es am Stubengassenplatz los.

Pandemiebedingt wollte die „Kidical Mass“ in diesem Jahr noch nicht fahren – jetzt, bei besseren Wetterverhältnissen und geringeren Kontaktbeschränkungen in der Öffentlichkeit will die beliebte Familien-Fahrraddemo wieder dahin, wo sie hingehört – auf die Straßen Münsters. Das Ziel ist die sichere und autonome Teilnahme von Kindern und Jugendlichen am Straßenverkehr.

„So kurz vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wollen wir noch einmal besonders auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Straßenverkehr aufmerksam machen und Polizei und Stadt Münster zu zielgerichteten Maßnahmen auffordern“, sagt Stefan Blume, Organisator der Kidical Mass Münster.

Die Initiative hatte vor kurzer Zeit in einem Offenen Brief an OB Markus Lewe und den damaligen Polizeipräsidenten Falk Schnabel Maßnahmen für mehr Straßenverkehrssicherheit in Münster gefordert. Der zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Unfallbericht belegt die Gefahren für Kinder und Jugendliche, durch regelwidriges Verhalten des MIV oder schlechte Infrastruktur zu Schaden zu kommen. Während PP Schnabel der Initiative bereits eine Stellungnahme zusandte, ist aus dem Rathaus bisher nichts zu hören. [Siehe Quellen]

Den Initiator*innen der Kidical Mass unterstützen die langfristig angelegten, planerischen Maßnahmen zu Velorouten und dem Fahrradnetz 2.0 der Stadt Münster, fordern jedoch mehr: „Wir wünschen ein klares Bekenntnis vom Oberbürgermeister bis hin zum Verkehrsplaner, dass Vision Zero in Münster Priorität hat“, so Daniel Hügel von der Initiative.

„Außerdem wollen wir die Menschen für eine nachhaltige Mobilität begeistern. Fahrradfahren muss sicher und bequem in der ganzen Stadt werden, nicht nur auf wenigen ausgewählten Straßen, damit alle Generationen aufsatteln und damit auch an der Stadt teilhaben können. Denn nur eine fahrradfreundliche Stadt ist auch eine lebenswerte und kinderfreundliche Stadt“, so Daniel Hügel von der Kidical Mass weiter.

Ab Stubengasse um 14 Uhr fährt die Kidical Mass 9 km in einem Tempo, bei dem alle mithalten können. Beim Zwischenhalt am Hafenplatz der Stadtwerke, der für 14.45 Uhr geplant ist, ist auch der entspannte Zustieg möglich, ab hier sind es noch 5 km bis zum Ziel an der Überwasserkirche. Dort erwartet alle kleinen und großen Teilnehmer eine süße Überraschung, die mit Münsters freier Gemeinschaftsküche auf Rädern „Pepe“ zubereitet wird.

Quellen:

Antwort der Polizei Münster auf unseren Offenen Brief

Am 30. März haben wir bereits eine Antwort von Polizeipräsident Falk Schnabel auf unseren Offenen Brief erhalten, die wir hier gerne veröffentlichen.

Wir finden es schade, dass sich der Polizeipräsident Falk Schnabel nur oberflächlich mit unserem Vorwurf des Framings in Pressemeldungen und Social-Media-Beiträgen der Polizei beschäftigt. Es ist nicht hinreichend, darauf hinzuweisen, dass Gegenbeispiele bei Facebook oder drastische Meldungen auf der Polizei-eigenen Seite gibt. Die Antwort des Polizeipräsidenten lässt darauf schließen, dass es ein großes fachliches Defizit und wenig Bewusstsein für richtige Formulierungen bei der Polizei Münster gibt.

Weitere Informationen zu Framing und Polizeimeldungen, die nach unserer Ansicht auch für Münster gelten:

https://www.iass-potsdam.de/de/blog/2021/04/wir-brauchen-eine-neue-sprache-fuer-die-verkehrsberichterstattung
https://www.tagesspiegel.de/berlin/konnte-nicht-mehr-bremsen-wie-polizeimeldungen-autounfaelle-verharmlosen/25450426.html

Neben dem Framing stellten wir in unserem Offenen Brief auch die Frage nach der Bewertung der eigenen Arbeit im Bereich Verkehrssicherheit, insbesondere unter dem Gesichtspunkt steigender Unfallzahlen bei Kindern und der Tatsache, dass die Unfallursachen in stark überwiegender Mehrheit beim motorisierten Individualverkehr zu suchen sind.

Für Polizeipräsident Falk Schnabel ist in der langen Darstellung der Aktivitäten der Dienststelle  Verkehrsunfallprävention/ Opferschutz (VUPO) klar, dass es ein Corona-Loch gebe, aber eine qualitative Aussage zu Rückwirkungen der Arbeit der Dienststelle und der Lage auf den Münsteraner Straßen nur schwer abzuleiten sei.

Die Kidical Mass bemängelt an dieser Stelle insbesondere die einseitige Fokussierung des Themas Verkehrssicherheit auf den Punkt Verkehrsunfallprävention in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Unfallzahlen machen klar, welche Zielgruppe mit welchen Maßnahmen stark ins Blickfeld gerückt werden muss: Der motorisierte Individualverkehr mit seiner täglichen freiheitlichen Interpretationen der Straßenverkehrsordnung.

https://twitter.com/Polizei_nrw_ms/status/1509520084166975496 – #Schwerpunktkontrolle im Stadtgebiet – 108 Verstöße an einer Kita in 3 Stunden

Der Polizeipräsident geht leider auch nicht auf die Arbeit der Polizei an Unfallschwerpunkten ein und kann auch keine Antwort darauf liefern, mit welchen Maßnahmen die Polizei plant, auf Erkenntnisse des Unfallberichts zu reagieren (z.B. Abstandsunterschreitungen oder Vorrangsmissachtung), um die Unfallzahlen zu beachten. Das Thema Gehwegparken kommt für Herrn Schnabel gar nicht vor.

Neben diesen Fragen haben wir in unserem Offenen Brief auch appelliert, die vielfach artikulierten Bedürfnisse der Bürger*innenschaft für eine Kommunikation auf Augenhöhe ernst zu nehmen und in ein dialogisches Verfahren einzutreten. Nach dem Lesen des Briefes scheint er aus unserer Sicht dazu kein Interesse zu haben und sieht Münster mit der Ordnungspartnerschaft vermeintlich gut aufgestellt.

Offener Brief der Kidical Mass Münster an Polizeipräsident Falk Schnabel und Oberbürgermeister Markus Lewe

14. März 2022

In den letzten Tagen und Wochen war in Pressemitteilungen der Polizei Münster sowie der entsprechenden Berichterstattung in den lokalen Medien von Unfällen unter Beteiligung von Radfahrer*innen und Autofahrer*innen zu lesen. Auffällig dabei war, dass die Unfallursache in den meisten Fällen die Missachtung der Vorfahrt der Unfallopfer (Radfahrer*innen) durch Autofahrer*innen war. Bei diesen Abbiegeunfällen wurden die Unfallopfer leicht bis schwer verletzt. Nicht zuletzt handelte es sich bei den Radfahrer*innen auch um Kinder.

Abbiegeunfälle sind laut Unfallstatistiken die häufigsten Unfälle im Straßenverkehr, hier bedarf es eines besonderen Augenmerks seitens der Stadt Münster in Sachen Infrastruktur und seitens der Polizei in Sachen Kontrollen und Aufklärung gegenüber motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen. Denn den Unfallstatistiken ist ebenfalls zu entnehmen, dass der überwiegende Anteil dieser Unfälle durch motorisierte Verkehrsteilnehmer*innen verursacht wird.

Auch die heute veröffentlichte Unfallstatistik 2021 weist ein erschreckendes Ergebnis in den jüngeren Altersgruppen auf: Die Anzahl der Unfälle mit Kindern (bis 14 Jahre), stieg um mehr als 23 Prozent, die Zahl der Unfälle unter Beteiligung Jugendlicher stieg um 35 Prozent. Bei den gesamten Unfällen unter Beteiligung von Radfahrenden und motorisiertem Verkehr verursachten in 70 % (!) der Fälle die motorisierten Verkehrsteilnehmenden die Unfälle.

Auffällig, und von uns und vielen anderen Initiativen und Einzelpersonen bereits mehrfach kritisiert, ist das „Framing“ und die verharmlosende Sprache in zahlreichen Unfallmeldungen der Polizei. Begriffe wie „touchieren“, „erfassen“ oder „übersehen“, die sich daraufhin auch in Medienberichten wiederfinden, sind verharmlosend. Unfälle werden so für schicksalhaft erklärt. „Übersehen“, „durch tief stehende Sonne“ – das sind zudem ausschließlich die Erklärungen der Unfallverursachenden, nicht aber die der Opfer, die unreflektiert in Pressemitteilungen übernommen werden, ohne zu erwähnen, von wem diese Aussage stammt. Die Polizei hat ein Neutralitätsgebot, Formulierungen wie diese sind aber nicht neutral.

Wir, die Initiative Kidical Mass Münster, wollen wissen:

  • Wie bewerten und optimieren Sie Ihre Unfallpräventionsarbeit auf den Straßen Münster? Welche Erfolge sehen Sie? Welche Maßnahmen haben Sie konkret an Unfallschwerpunkten in Zusammenarbeit mit der Stadt Münster eingeleitet?
  • Bei den Unfällen zwischen Fahrradfahrenden und Autofahrenden sind die häufigsten Ursachen ungenügender Sicherheits-/ Seitenabstand, Fehler beim Abbiegen sowie das Nichtbeachten der Vorfahrt/des Vorrangs, 70 % verursacht durch Autofahrende. Welche Maßnahmen ergreifen Sie konkret, damit sich die Zahl dieser Unfälle verringert?
  • Wie wählen Sie aus, über welche Unfälle in Pressemitteilungen berichtet wird? Werden diese Pressemitteilungen von einer zweiten Person („Vier-Augenprinzip“) kritisch gegengelesen? Wie gehen sie mit der offensichtlichen Kritik an der verharmlosenden Sprache und an der teilweise einseitigen Beschreibung von Unfallhergängen um?

Wir sind erstaunt über die Sichtweise der Polizei Münster auf die Verkehrssicherheit. Das mussten wir auch bereits in mehreren persönlichen Gesprächen mit Beamt*innen unterschiedlicher Abteilungen der Polizei Münster sowie in der Email-Kommunikation zum Thema feststellen.

Als wesentlicher Bestandteil der Ordnungspartnerschaft „Sicher durch Münster“ fordern wir die Polizei Münster und die Stadt Münster auf:

  • Bekennen Sie sich klar zur „Vision Zero“ im Stadtverkehr Münster. Legen Sie in einem entsprechenden Maßnahmenplan dar, wie dieses Ziel erreicht werden soll.
  • Nehmen Sie Hinweise und Kritik zur Verkehrssicherheit aus der Bürger*innenschaft, vor allem durch weniger geschützte Verkehrsteilnehmer*innen und entsprechenden Initiativen ernst und ziehen Sie diese in Ihre Arbeit mit ein: Wertschätzend und transparent in der Kommunikation, präventiv, verkehrstechnisch/ infrastrukturell und durch Kontrollen sowie entsprechende Sanktionen.
  • Nehmen sie häufiger aktiv die Sicht der weniger geschützten Verkehrsteilnehmer*innen, insbesondere radfahrender Menschen ein.
  • Illegales Parken auf Gehwegen, in Kreuzungsbereichen, vor abgesenkte Bordsteine nach StVO muss strenger kontrolliert und entsprechend sanktioniert werden. Durch reines Verteilen von Verwarngeldern verschwindet die Gefährdung, insbesondere für junge und eingeschränkte Verkehrsteilnehmer*innen nicht. Scheinargumente wie „Parkdruck“ und das Warten auf ein „Parkraummanagement“ dürfen nicht weiter die alltägliche Gefahren rechtfertigen.
  • Explizit fordern wir die Verantwortlichen der Stadt Münster auf: Machen Sie sich weiter für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit im Stadtgebiet stark, ergänzt durch Tempo 20 in Wohnquartieren.

Interview zur Verkehrswende in Münster mit Jule Heinz-Fischer und Carsten Peters (Grüne Münster)

Liebe Interessierte, das Interview in Langfassung liegt hier leider noch nicht vor, bitte tragt euch doch in den Newsletter ein, dann werdet ihr benachrichtigt, sobald es verfügbar ist.

Interview aus dem Leezen-Kurier

Im Februar 2021 wurde der Koalitionsvertrag von Grünen, SPD und Volt angenommen, nachdem die Verkehrswende eines der wichtigsten Themen im Kommunalwahlkampf gewesen ist. Grund genug, uns mit den verkehrspolitischen Sprecher:innen der Grünen Ratsfraktion Jule Heinz-Fischer und Carsten Peters zu einem längeren Gespräch über den Stand der Verkehrswende in Münster zu treffen.

Jule Heinz-Fischer bewertet das erste Jahr Radverkehrspolitik der Rathauskoalition

Die Bilanz des ersten Jahres ist eine Mischung aus Dingen, die schon vorher beantragt worden waren, teils auch Dingen, die wir beantragt haben, zum Beispiel die 1500 Fahrradbügel oder Tempo 30. Wir merken aber, dass es mit Anträgen nicht getan ist. Wir haben wirklich viel beantragt und viel davon muss noch umgesetzt werden.

Carsten Peters ergänzt:

Wir schieben neue Dinge an, es gibt aber auch Themen aus der Vergangenheit, die noch nicht abgearbeitet worden sind. Das ist z.B die Frage der Fahrradstraßen, das ist die Frage der Velorouten. Es gibt eine Menge Projekte, die vor längerer Zeit in Auftrag gegeben worden sind und sich in Planung und in Bearbeitung befinden. Wir würden bei alldem gerne schneller vorankommen, wir sehen aber natürlich auch, dass manche Projekte ihre Zeit zur Umsetzung brauchen.

Zum Beispiel das Fahrradnetz 2.0. Es ist wichtig, die Bürger:innen einzubeziehen, viele Ideen einfließen zu lassen, alle Betroffene zu hören, das ist absolut wichtig und notwendig.

Jule Heinz-Fischer über das Realisierungsdefizit

Es ist viel zu einfach zu sagen “die Verwaltung ist lahm”. Manchmal benötigt die Verwaltung mehr Zeit und dreht Schleifen zurück ins MIV-Denken. Aber ich unterstelle keinen bösen Willen, denn: Wir sehen ja auch Personaldefizite und wollen die Verwaltung stärken. Politik und Verwaltung brauchen einen Mix aus Kooperation und gutem Willen. Wir müssten längst in der Flächenumsetzung sein. Aber wir stoßen leider jetzt Dinge konzeptionell an, die vor 20 Jahren hätten angestoßen werden müssen.

Jule Heinz-Fischer über den Alltag auf den Straßen

In der Stadt werden durchaus Maßnahmen durchgeführt, aber natürlich insgesamt wenig im Verhältnis zur Gesamtstadt, so dass es schwierig ist zu sagen, mein Radfahrgefühl hat sich jetzt schon total verändert.

Carsten Peters fügt hinzu

Gerade bei den einfach zu realisierenden Maßnahmen müssen wir schneller werden, das kann sich Münster, das können wir alle uns nicht mehr leisten, wenn wir verkehrlich etwas auf den Weg bringen wollen. Sowohl was die eigenen Ansprüche angeht, aber natürlich auch in Bezug auf die Anforderungen, die die Klimakrise stellt.

Jule Heinz-Fischer über Prioritäten für Kinder und Jugendliche

Tempo 30 erhöht grundsätzlich die Verkehrssicherheit für alle und dann auch für Kinder und Jugendliche. Das haben wir schon längst beantragt, eine T20-Beantragung ist aktuell mit vielen Hürden verbunden. Das Thema Gehwegparken ist so groß, da müssen wir gucken wie wir es portioniert bekommen. Der „Lewe-Meter“ ist weg, aber es bleibt sehr viel zu tun, um spürbare Verbesserungen zu realisieren. Einerseits im Gespräch mit und durch Personalausstattung der Verwaltung und andererseits mittelfristig durch neue Parkraumkonzepte. Wir müssen auch klären: Wo kann man strategisch an den ganz sensiblen Stellen priorisieren, z.B. im Umfeld von Schulen, an Kreuzungsbereichen? Wir setzen da auf Zusammenarbeit mit Bürger:innen und Verwaltung.

Carsten Peters über seine Vision einer idealen Stadt

Ich mag die Vision der unfallfreien Stadt. Eine unfallfreie Stadt, in der ausreichend Platz für den Radverkehr und Fußverkehr da ist. Dass dabei eben keine Kannibalisierung innerhalb des Umweltverbundes – Bus vs. Fahrrad – stattfindet, dass genügend Platz, genügend Freiraum vorhanden ist, dass niemand Angst haben muss mit dem Fahrrad irgendwo hinzufahren.

In dem Fall kann jede:r die Straße benutzen, das Radwege ausreichend komfortabel, sicher und schnell sind, damit es auch wirklich Freude macht dort zu fahren. Das es wirklich Vergnügen und Freude ist, mit dem Fahrrad zu fahren. Das ist ein Bestandteil der Vision der unfallfreien Stadt. Dazu gehört natürlich auch die deutliche Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs und eine umweltverbundorientierte Neuaufteilung des Straßenraums zugunsten des Bus-, Rad- und Fußverkehrs.

Offener Brief an OB Lewe zur aktuellen Situation von Fuß gehenden und Rad fahrenden Menschen auf Münsters Straßen

Uns erreichte gestern ein Brief einer Bürgerin aus Münster, den diese an den OB Markus Lewe richtet. Im Brief wird auf die einschneidenden Auswirkungen des Schneefalls der letzten Woche aufmerksam gemacht. Viele Menschen können nur unter erheblichen Mühen ihr familiäres Leben oder den Weg zur Arbeit organisieren. Nicht nur, dass offensichtlich sehr viel dafür getan wurde, dass der Autoverkehr reibungslos fließen kann, wurde dadurch die (schon vorher durch das Gehwegparken schlechte) Situation für Radverkehr und Fußverkehr weiter verschärft. Im Straßenraum entstehen durch die offensichtlich niedrige Priorisierung des Radverkehrs lebensgefährliche Situationen und gleichzeitig müssen sich mutige Fahrbahnfahrer:innen vom Autoverkehr bedrängen und gefährden lassen.
Die Autorin beklagt die Doppelmoral der Stadtführung unter OB Lewe, der sich zu Marketingmaßnahmen gerne mit seiner „Leeze“ ablichten lässt, aber in dieser außergewöhnlichen Wettersituation seine Funktion als Stadtoberhaupt nicht ausfüllt.

Wir als das Team der Kidical Mass kennen diese Situationen aus der letzten Woche sehr gut und wünschen uns – unter den zugegeben schwierigen Bedingungen – mehr Einsatz und Bekenntnis für den Radverkehr, der ja so ein elementarer Bestandteil des Verkehrs in Münster ist. Wir wünschen uns auch eine ehrliche Kommunikation durch die mit der mit der Räumung beauftragten AWM und keine beschwichtigenden Zusammenhalt-Appelle.

OB Markus Lewe, der immer gerne als Botschafter das Fahrradstadt-Fähnchen in den Wind hängt, muss nun Taten folgen lassen, die die letzte Woche nüchtern analysieren und schnell konkrete Maßnahmen ableiten, die Rad und Fuß auch bei extremen Wetterlagen Raum und Sicherheit auf Münster Straßen geben.

Den offenen Brief veröffentlichen wir hier gerne im Wortlaut.

Für viele Menschen in diesen Tagen Normalität: kaum zu überwindende Passagen für Fuß gehende Menschen

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Lewe,
ich bin sehr wütend und werde diese Wut jetzt konstruktiv nutzen.

Diese letzten Tage waren der Horror auf dem Fahrrad! Nicht einfach nur ein bisschen schlechtes Wetter, sondern schlichtweg lebensgefährlich!

Ich habe volles Verständnis dafür, dass die Stadt durch den vielen Schnee in eine neuartige Situation gebracht wurde. Aber eine neuartige Situation heißt in Deutschland immer und da nimmt sich die hoch gerühmte „Fahrradstadt“ Münster in keiner Weise aus: Verlasst euch nur auf euer Auto. Individualverkehr ist das Zauberwort der aktuellen Stunde.

Die Stadt ist überfordert. Ich habe volles Verständnis. Ich nehme Urlaub, da ich weder mit dem Rad noch mit dem Bus zur Arbeit komme und die Kitas geschlossen sind. Soweit so gut. Erst werden die großen Straßen geräumt. Feuerwehr/Transporte müssen durch. Ich verstehe das. Aber danach hätte es zumindest klar sein müssen, dass fahrradbefahrene Parallelstraßen geräumt werden müssen wie z.B. die Melcherstraße. Aber nein. Wir fahren Ring. Mit den Kindern zur Kita und zur Arbeit und werden von Autofahrern beschimpft und angehupt. Also ob ich mir das aussuchen würde. Ich weiß nicht ob Sie sich vorstellen können, dass es Leute gibt, die auf das Fahrrad angewiesen sind!

Sie lassen sich doch gerne mit Fahrrad ablichten. Sind Sie am Donnerstag/Freitag mal mit dem Fahrrad gefahren oder haben Sie stattdessen den Bus genommen (in Coronazeiten!) oder sind doch lieber mit dem Auto gefahren?

Und von den Fahrradwegen ganz zu schweigen. Die werden im Kreuzviertel leider abtauen oder per Hand freigeschaufelt werden müssen, da Räumfahrzeuge nicht durchkommen werden, da ja maximal ein Meter frei ist zwischen diesen Autoleichen, die jetzt auf dem Bürgersteig stehen und nicht mehr wegkommen. Mir ist bewusst, dass das ein Ausnahmeschnee ist, aber das Grundproblem bleibt das Bürgersteig parken.

Ich lade Sie wirklich herzlich zu einem Spaziergang mit einem Ihrer Enkel auf dem Laufrad/Fahrrad, im Kinderwagen durchs Kreuzviertel ein. Und ich verspreche Ihnen, ich werde besser gelaunt sein! Versuchen Sie mal von der Langemarckstraße zum Flugzeugspielplatz zu kommen. Selbst die Tagesmütter in der Gegend, jeder Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen müssen auf die Straße wechseln bei legal geparkten Autos! Denn eigentlich muss man noch Parkplätze für Fahrräder und Mülltonnen wegnehmen, aber ich will Sie nicht überfordern. Und man muss als Fußgänger nicht nur auf der Straße laufen, sondern man ist auch auf dem Bürgersteig nicht sicher. Um mit Schwung auf den Bürgersteig zu kommen, wird auch gerne mal mit 20 km/h aufgefahren und über 50 m weiter auf dem Bürgersteig gefahren und nein, nicht im Schritttempo!!! Die Kinder stehen mit offenen Augen vor den Scheinwerfern und wissen nicht wo der sichere Ort auf dem Bürgersteig ist. Es gibt keinen!
Bitte lassen Sie Stellen markieren wo geparkt werden darf, aber überlassen Sie das nicht dem Verständnis der Anwohner, die ihre Privatparkplätze vor der Tür verwenden, statt ihre Vorgärten in Parkplätze umzuwandeln.

Und noch etwas, ich habe mehrere Bekannte im Umkreis, die als Paar zwei Autos besitzen und nicht mal ein Auto brauchen, um zur Arbeit zu gelangen. Der Druck ist offensichtlich nicht hoch genug. Es sind einfach zu viele Autos für zu wenig Platz!

Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, verschließen Sie die Augen nicht, so kann es nicht weitergehen!

Mit wütenden und sehr besorgten Grüßen

Die Absenderin wünscht keine Nennung ihres Namens in Online-Medien
Der Autoverkehr rollt schon recht ungehindert, Rad und Fuß haben es schwer

Ist Münster eine Fahrradstadt?

Auf Twitter räumt @jooobi mit dem Missverständnis auf, ob Münster noch eine Fahrradstadt sei oder nicht.

Dieser Thread und auch die daraus entstandene Diskussion wird später vom RUMS Brief am Dienstag aufgegriffen und nach weiteren Meinungen gefragt. Und Meinungen haben wir ja auch.

Das Schlaglicht auf den Münsteraner Fahrradstadt-Verkehr von @jooobi, welches ihr in eurem letzten Brief thematisiert habt, entspricht leider der Wahrheit und lässt sich nicht mit „Nörgeln auf hohem Niveau“ abtun. In dieser Argumentation, finde ich, besteht gerade ein wesentlicher Punkt: Für manche Verkehrsteilnehmer:innen im besten Alter, mit tollem Reaktionsvermögen und genug Mut, sich den Herausforderungen des täglichen Straßenverkehrs zu stellen, scheint alles halbwegs akzeptabel und „besser als im Pott“ zu sein.
Aber das ist eben auch eine eingeschränkte und vielleicht auch egoistische Perspektive. Was ist mit den Menschen, die nicht mehr so fit sind oder noch nicht so alt, das alle Sinne den oben angesprochenen Herausforderungen gerecht werden? Eine gute und gestaltenden Verkehrspolitik hat eben nicht nur die nüchternen Zahlen des Modal Split im Blick, sondern sieht auch die Aufgabe, allen Menschen die Teilhabe am städtischen Leben zu ermöglichen. Die einfache und gefahrlose Nutzung der Verkehrswege ist da eben ein wesentlicher Bestandteil.

Ich persönlich gehöre der Initiative „Kidical Mass Münster“ an, ursprünglich gab es einfach die Idee, eine Möglichkeit zu schaffen, Kindern auf eine andere Art den Verkehrsraum wahrnehmen zu lassen, so, wie es bei einer Critical Mass geschieht. Denn das Befahren der normalerweise den Autos vorbehaltenen Fahrspuren ist viel entspannter und auch kommunikativer. Vielmehr ist es ein „erhebendes“ Gefühl, so berichten die Kinder und Jugendlichen, gemeinsam und ohne Gefahr durch den Münsteraner Ludgeri-Kreisel zu fahren. Mit diesem Erlebnis hat man direkt einen anderen Blick auf die Infrastruktur für den Radverkehr, die Stellen, wo Münster laut OB Lewe „den roten Teppich ausrollt“. Die Infrastruktur ist in einem schlechten Zustand, zu klein dimensioniert, ganz wenig Fehler tolerierend; und sie wird in den Augen vieler Radfahrenden nur ganz langsam erneuert und verbessert. Wie wollen wir Kinder für ihr Leben zum Radfahren motivieren, wenn jede Tour mit so vielen Regeln und Vorsichtsmaßnahmen belegt werden, damit man unfallfrei durch einen Kanal von parkenden Autos durchgeschleust wird?
Hier ist ein anderer Aspekt des Themas „Fahrradstadt Münster“ zu sehen: Die laxen Kontrollen von Falschparkern, das kaum vorhandene Ahnden des Auto-Flächenegoismus. Anfang des Jahres wurden wir von RadioQ dazu befragt und haben unsere Meinung zum Thema mitgeteilt: https://www.radioq.de/dauerproblem-falschparken. Ich glaube, Kinder und Eltern wären schon froh, wenn es kein Falschparken mehr gäbe, wenn die 5m-Zonen im Kreuzungs-Bereich frei wären, wenn es Sichtachsen und -beziehungen gäbe, wenn Autofahrer:innen nicht zu knapp überholen würden oder wenn sie im Begegnungsverkehr immer das Tempo drosseln würden.

Noch ein letzter Punkt zum Fly-Over: Leuchtturm-Projekte sind besonders toll, wenn sie nicht nur der eigenen Nabelschau und Selbstverliebtheit dienen, sondern auch „visionär“ in die Zukunft zeigen. Vielleicht vormals räumlich abgekoppelte Stadtteile stärker an die Stadt binden (siehe die Brücke in Kopenhagen übers Wasser) oder Verkehrsbeziehungen ganz neu denken und neue Möglichkeiten schaffen. Diese Möglichkeiten sind beim Fly-Over aus meiner Sicht nicht aufgezeigt worden; was passiert mit dem Bereich unten, dem „alten“ Straßenraum, gibt es da auch eine Umverteilung? Der ADFC Münsterland hat auch geschrieben, das mit dem Fly-Over nur wenige der verkehrlichem Beziehungen der Verkehrssituation am Aasee adressiert werden, bei dem finanziellen Aufwand sicherlich ein guter Kritikpunkt.