Kinder aufs Rad – Petition für sicheren Radverkehr in Münster gestartet

Die Maßnahmen zur Einschränkung der Verbreitung des Corona-Virus haben starke Auswirkungen auf unsere Versammlungen und Aktivitäten gehabt. Die Tour zur bundesweiten Kampagne im März konnte nicht stattfinden und auch die bereits angemeldete Versammlung für eine Kidical Mass am 13. Juni in Münster haben wir jetzt zurück gezogen.

Umso wichtiger sind alternative Aktivitäten, mit denen wir auf unser Anliegen aufmerksam machen können. Hervorgegangen aus der bundesweiten Initiative ist eine Petition, die wir – für die Münsteraner Verhältnisse adaptiert – gerne aufnehmen und unterstützen.
Die zentralen Forderungen sind:

  1. Alle Kinder und Jugendlichen sollen sich sicher und selbständig mit dem Fahrrad in der Stadt bewegen können.
  2. Wir wollen für alle Menschen angstfreies Radfahren
  3. Tempo 30 für sicheren Straßenverkehr innerorts
  4. Münster muss wieder Fahrradstadt werden, denn nur eine Fahrradstadt ist eine kinderfreundliche Stadt!
  5. Nach StVO illegales Parken von Autos auf Gehwegen darf nicht länger geduldet, sondern muss sanktioniert werden. Alle Menschen sollen sich dort sicher und frei bewegen und den wegen des Corona-Virus gebotenen und notwendigen Abstand zueinander einhalten können
  6. Wir wollen mehr Platz für Radfahrende und Fußgehende – JETZT!
  7. Wir wollen autofreie Zonen und Orte, für eine lebenswerte und urbane Stadt der Begegnung

Unter https://weact.campact.de/p/ms-kidicalmass bitten wir euch, die Petition zu zeichnen und den Kreis der Unterstützer:innen zu vergrößern.

Ist Münster eine Fahrradstadt?

Auf Twitter räumt @jooobi mit dem Missverständnis auf, ob Münster noch eine Fahrradstadt sei oder nicht.

Dieser Thread und auch die daraus entstandene Diskussion wird später vom RUMS Brief am Dienstag aufgegriffen und nach weiteren Meinungen gefragt. Und Meinungen haben wir ja auch.

Das Schlaglicht auf den Münsteraner Fahrradstadt-Verkehr von @jooobi, welches ihr in eurem letzten Brief thematisiert habt, entspricht leider der Wahrheit und lässt sich nicht mit „Nörgeln auf hohem Niveau“ abtun. In dieser Argumentation, finde ich, besteht gerade ein wesentlicher Punkt: Für manche Verkehrsteilnehmer:innen im besten Alter, mit tollem Reaktionsvermögen und genug Mut, sich den Herausforderungen des täglichen Straßenverkehrs zu stellen, scheint alles halbwegs akzeptabel und „besser als im Pott“ zu sein.
Aber das ist eben auch eine eingeschränkte und vielleicht auch egoistische Perspektive. Was ist mit den Menschen, die nicht mehr so fit sind oder noch nicht so alt, das alle Sinne den oben angesprochenen Herausforderungen gerecht werden? Eine gute und gestaltenden Verkehrspolitik hat eben nicht nur die nüchternen Zahlen des Modal Split im Blick, sondern sieht auch die Aufgabe, allen Menschen die Teilhabe am städtischen Leben zu ermöglichen. Die einfache und gefahrlose Nutzung der Verkehrswege ist da eben ein wesentlicher Bestandteil.

Ich persönlich gehöre der Initiative „Kidical Mass Münster“ an, ursprünglich gab es einfach die Idee, eine Möglichkeit zu schaffen, Kindern auf eine andere Art den Verkehrsraum wahrnehmen zu lassen, so, wie es bei einer Critical Mass geschieht. Denn das Befahren der normalerweise den Autos vorbehaltenen Fahrspuren ist viel entspannter und auch kommunikativer. Vielmehr ist es ein „erhebendes“ Gefühl, so berichten die Kinder und Jugendlichen, gemeinsam und ohne Gefahr durch den Münsteraner Ludgeri-Kreisel zu fahren. Mit diesem Erlebnis hat man direkt einen anderen Blick auf die Infrastruktur für den Radverkehr, die Stellen, wo Münster laut OB Lewe „den roten Teppich ausrollt“. Die Infrastruktur ist in einem schlechten Zustand, zu klein dimensioniert, ganz wenig Fehler tolerierend; und sie wird in den Augen vieler Radfahrenden nur ganz langsam erneuert und verbessert. Wie wollen wir Kinder für ihr Leben zum Radfahren motivieren, wenn jede Tour mit so vielen Regeln und Vorsichtsmaßnahmen belegt werden, damit man unfallfrei durch einen Kanal von parkenden Autos durchgeschleust wird?
Hier ist ein anderer Aspekt des Themas „Fahrradstadt Münster“ zu sehen: Die laxen Kontrollen von Falschparkern, das kaum vorhandene Ahnden des Auto-Flächenegoismus. Anfang des Jahres wurden wir von RadioQ dazu befragt und haben unsere Meinung zum Thema mitgeteilt: https://www.radioq.de/dauerproblem-falschparken (Aktuell nicht abrufbar, evtl. Server down). Ich glaube, Kinder und Eltern wären schon froh, wenn es kein Falschparken mehr gäbe, wenn die 5m-Zonen im Kreuzungs-Bereich frei wären, wenn es Sichtachsen und -beziehungen gäbe, wenn Autofahrer:innen nicht zu knapp überholen würden oder wenn sie im Begegnungsverkehr immer das Tempo drosseln würden.

Noch ein letzter Punkt zum Fly-Over: Leuchtturm-Projekte sind besonders toll, wenn sie nicht nur der eigenen Nabelschau und Selbstverliebtheit dienen, sondern auch „visionär“ in die Zukunft zeigen. Vielleicht vormals räumlich abgekoppelte Stadtteile stärker an die Stadt binden (siehe die Brücke in Kopenhagen übers Wasser) oder Verkehrsbeziehungen ganz neu denken und neue Möglichkeiten schaffen. Diese Möglichkeiten sind beim Fly-Over aus meiner Sicht nicht aufgezeigt worden; was passiert mit dem Bereich unten, dem „alten“ Straßenraum, gibt es da auch eine Umverteilung? Der ADFC Münsterland hat auch geschrieben, das mit dem Fly-Over nur wenige der verkehrlichem Beziehungen der Verkehrssituation am Aasee adressiert werden, bei dem finanziellen Aufwand sicherlich ein guter Kritikpunkt.